10 Jahre Deutschland

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Vor genau 10 Jahren, am 19.5.2004 kam ich aus der Ukraine nach Deutschland.

10 Jahre ist eine lange Zeit. Ich werde nur noch sehr selten gefragt, woher ich komme. Viele vermuten auch gar nicht erst, dass ich nicht hier geboren wurde. Wenn sie hören, dass dies nicht der Fall ist, bekomme ich meistens Komplimente zu meinem Deutsch und dass sie es ja niemals gedacht hätten. Ich finde es selbst eher weniger beeindruckend, dass jemand nach 10 Jahren die Landessprache beherrscht, für mich ist es viel mehr eine Selbstverständlichkeit, vor allem für Leute in meinem Alter.. Als ich erst seit 4-5 Jahren in Deutschland war, da konnte ich es noch ein wenig eher verstehen. Leider kommen viel zu viele ohne jegliche Sprachkenntnisse oder Willen sich zu integrieren hierhin, sodass der vermeintliche Normalzustand, wie in meinem Fall, als etwas besonderes wahrgenommen wird.

Deutsch ist in der Tat nicht einfach. Viel schwieriger als Englisch. Vielleicht eher mit Französisch vergleichbar, mit vielen kleinen grammatischen Gemeinheiten, die einen sofort verraten, wenn man die Sprache nicht perfekt beherrscht. Am Anfang habe ich die Menschen kaum verstanden, weil sie viel zu schnell gesprochen haben. Dafür konnte ich sämtliche Formen des Plusquamperfekts und Futur II aus dem Ärmel schütteln. Es wurde aber immer besser. Denn zum Glück kam ich in eine ganz normale Gymnasialklasse und wurde nicht in eine Integrationsklasse oder gar auf eine Real- oder Hauptschule gesteckt (davor hatte ich eine große Angst). Dafür bin ich der netten Mitarbeiterin des Schulamtes bis heute dankbar. Der Anfang war in der Tat schwer. Während ich in Mathe und Englisch viel weiter war, als meine deutschen Mitschüler, waren typische „Laberfächer“ wie Religion, Geschichte oder Erdkunde meine persönliche Hölle. In den ersten Stunden verstand ich meistens nicht einmal das Thema der Unterrichtsstunde. Auch die Tatsache, dass man sich melden musste, machte es mir nicht unbedingt leichter. Es gab auch noch andere Momente, die im Nachhinein fast schon wieder lustig sind. Aber nur im Nachhinein. Da wäre diese eine Präsentation über Uhus in meiner ersten Schulwoche. Meine Mitschüler haben mir einen kleinen Text von wahrscheinlich um die 10-15 Zeilen in die Hand gedrückt und gesagt, dass ich den am nächsten Tag vortragen soll. Es war schrecklich. Mama und ich saßen den ganzen restlichen Tag mit dem Wörterbuch und haben Vokabeln nachgeschlagen, denn ich verstand nur jedes zweite oder dritte Wort. Danach habe ich versucht, den Text auswendig zu lernen, was im Riesengeheule endete, weil ich mir kaum einen Satz merken konnte. Die Präsentation fand zum Glück nie statt :D Auch erinnere ich mich an die Klassenfahrt, auf die ich mitgefahren bin, nachdem ich gerade mal seit 2 Wochen zur Schule ging. Ziemlich oft verstand ich nicht, wann und wo die Gruppe sich wieder treffen sollte und andere organisatorische Dinge, weswegen mir meine Mitschüler fast alles, was die Lehrer sagten, auf Englisch nochmal erklären mussten.

Generell war die erste Zeit echt schwer. Es ist an sich schon schwer, in einer vollkommen neuen Situation sich in einer neuen Gemeinschaft zurechtzufinden (ist es heute immer noch…) aber dann noch eine vollkommen fremde Sprache und Kultur. Und die Hausaufgaben, für die ich das dreifache der normalen Zeit brauchte. An manchen Tagen war ich völlig fertig. Aber es wurden mit jedem Tag leichter und besser :) und relativ schnell konnte und schon quatschen wie ein Wasserfall. Die Sache mit der Grammatik hat noch etwas länger gedauert (es ist aber auch schwer mit den Fällen…und den Endungen), aber es geht alles. Wenn man nur will.

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Ausgegrenzt oder ernsthaft beleidigt wurde ich übrigens nie. Okay, das eine oder andere Mal wurde mir „Vodka“ oder „Die Russen kommen!“ (WTF..) hinterhergerufen, aber vor allem von meinen türkischen Mitschülern. Ich stempele es noch heute mal als mangelnde Intelligenz ab. Generell wurde ich recht bald schon nicht mehr als Ausländerin abgestempelt oder wahrgenommen worden. Ich war ein ganz normales Mädel. Ich finde es faszinierend, dass manche Menschen, die hier geboren sind, hartnäckig darauf bestehen, dass sie Ausländer und daher was besonderes sind. Ich bin erst seit 10 Jahren hier und wenn ich mal im Ausland gefragt werde, woher ich komme, weiß ich nicht so wirklich, was ich antworten soll. Meine Heimat ist überall und nirgendwo. Manchmal hätte ich gerne einen Ort, den ich „Heimat“ nennen könnte. Aber eigentlich ist es schön, so wie es ist.

16 Kommentare

  1. Okay, dann oute ich mich auch mal als eine welche nicht wusste, dass du doch so „spät“ nach Deutschland kamst. Ich wusste zwar, dass du nicht hier geboren bist aber ich dachte du kämst schon jünger hier her. Ich finde es wahnsinnig interessant über eine erfolgreiche Integration – wie es eben bei dir der Fall ist – zu lesen. Viele sehen auch mich als erfolgreiche Integration an, aber ich bin in Deutschland geboren und aufgewachsen. Also alles selbstverständlich, weshalb mit nicht wirklich von einer Integration reden kann… Daher hatte ich zum Glück auch keine Probleme mit der deutschen Sprache ^_^ Okay, mit der Grammatik schlage ich mich teilweise heute noch rum wobei ich da die Schuld Whatsapp und Co. gebe, weil ich (leider) nur noch per Kürzel und Smileys kommuniziere. Na ja, egal. Ich schweife ab. Es wundert mich aber doch ehrlich, dass du dir nicht sicher bist welches Land du als „Heimat“ bezeichnen sollst. Wobei ich mich natürlich nicht in deine Situation rein versetzten kann aber ich hätte spontan doch eher auf Ukraine getippt, da dort geboren und zumindest die ersten Jahre auch gelebt. Immerhin hängen die Kindheitserinnerung damit zusammen. Aber gut, ich bin hier geboren und sehe zwar Deutschland auch als meine Heimat an, aber so richtig ein Zugehörigkeitsgefühl hab ich dennoch nicht… Egal ob ich in der Türkei oder in Deutschland bin, man ist immer „Die Ausländerin“.
    (Long comment is long xP)

  2. Ohje… bei den vielen Grammatik/Rechtschreibfehler könnte man glatt meinen ich würde keine 2 Jahre in Deutschland leben xD Man sollte nicht über Smartphone kommentieren..

  3. Was für ein interessanter Post! Ich kann mir vorstellen, dass es zu Beginn echt schwer für dich gewesen sein muss. Deutsch ist wirklich keine leichte Sprache.

    Übrigens stimme ich dir vollkommen zu, dass es manchmal echt affig ist, wenn Leute, die hier in Deutschland geboren sind, auf ihren „Ausländerstatus“ beharren. Was soll das denn? :D Meine Großeltern kommen auch fast alle nicht aus Deutschland (Tschechien vor allem), aber das ist für mich gar kein Thema – warum auch?

    Liebe Grüße
    Jenni

  4. Du weißt wahrscheinlich mehr über die deutsche Grammatik als so mancher Deutsche :P
    Ich finde es übrigens auch interessant das Ganze über dich zu lesen :)

    Ich hatte gerade sogar einen relativ langen Kommentar getippt, aber ich bin einfach nicht gut in solchen Themen :D

  5. Schöne Geschichte <3 ! Finde deine Einstellung zur Integretation lobenswert. Ich meine nur weil man sich integriert, bedeutet es ja nicht dass man seine "Muttersprache" oder "Ethnik" hinter sich lässt. Wieso muss man unbedingt nur zu einem gehören?

    Mit dem Thema "Heimat" und "Identität" knabbere ich zwischenzeitlich auch wieder. Aber im Grunde fühle ich mich hier sehr wohl und bin froh hier zu sein.

    Was mich überrascht ist, dass es "Ausländer" sind die die angepöbelt haben @_@ … eigentlich sollten die doch genau wissen was es heißt nur auf seine "Nationalität" reduziert zu sein.

    Wir sind soviel mehr als das.

    Nochmals Glückwunsch zum 10Jährigen und weiteren vielen schönen Jahren in Deutschland ^-^ <3

  6. Bin auch noch immer erstaunt, dassDeutsch nicht deine Muttersprache ist. :_O Lese deine Blog ja schon seit Eeeeewigkeiten und mir ist nie aufgefallen, dass du keine Deutsche bist. Ich hab in meinen Freundeskreis auch 2-3 Immigranten und von denen spricht/schreibt keiner so fehlerfrei, wobei die auch erst mit 13/14 Jahren nach Österreich kamen.
    Finde es echt beeindruckend, die du – gerade den Anfang – durchgezogen hast. :-)
    Darf man fragen, wieso ihr nach Deutschland gekommen seid?

  7. Wirklich ein sehr schöner Einblick, den du uns hier ermöglicht hast!
    Ich finde, du kannst stolz auf dich sein (auch, wenn du findest, dass es „normal“ ist. Was ich auch finde, aber es is ja trotzdem ein ganzes Stück Arbeit! :) )

  8. Wow, man merkt deinen Beiträgen wirklich nicht an, dass Deutsch nicht deine Muttersprache ist – Respekt! :)

    Warst du denn seitdem noch mal in der Ukraine?

  9. Ein klasse Artikel und super Einstellung zur Integration! Außerdem ein großes Kompliment für dein Deutsch – ich kann mich den Kommentaren nur anschließen: Man merkt überhaupt nicht, dass Deutsch nicht deine Muttersprache ist!
    Ich bin mit 3 aus Polen nach Deutschland gekomme – das einzige woran man bei mir merkt, dass ich ausländische Wurzeln habe ist der schöne name Klaudia mit K ;). Da stutzen viele – es ist aber gleichzeitig auch eine Art Konversationseinstieg :).
    Wenn ich heute über mich sagen müsste was ich bin – Polin oder Deutsche – würde ich ganz klar zu Deutschland tendieren. Aber ich bin ja nun auch schon ganze 25 Jahre hier :). Bis heute darf auch ich mir immer wieder diese tollen Sprüche a la Polen klauen Autos (-.-), Polen trinken Wodka, müsstest du doch super vertragen (ähm geht so ;)) usw anhören. Da zucke ich aber nur mit den Schultern – gibt schlimmeres auf der Welt denke ich dann immer ;)

  10. Ich finde das toll :)
    (Hätte ich mal diesen Willen Englisch mir so gut anzueignen *grml*)

    Wahrscheinlich schreibst und sprichst du besser Deutsch als ich :D Aber ich komm auch aus Franken/Bayern, das ist ja nochmal eine „eigene“ Sprache *lol*

  11. Nathy says: Antworten

    Also „gar die Realschule“ nehm ich dir krumm (vor allen Dingen, weil ich nach der RS im Gymnasium gemerkt habe, wie viel mir die Realschule gebracht hat. Das wurde dann im Vergleich sehr deutlich *hust*).

    Ich finds auch immer ganz schrecklich, wenn Leute sich in einem Land „breitmachen“ aka ohne Integrationswillen dorthingehen. Ein rumänische Freundin von mir schämt sich z.B. regelmäßig, weil in ihrer Nähe ein ganzer Haufen rumänischer Sozialimmigranten wohnen, die sich keinen Job suchen, die Sprache nicht lernen, etc.

    Und ich hab mich tierisch geschämt, als ein österreichischer Bekannter mir eröffnete, dass unsere Nachbarn denken, alle Deutschen wären wie die geistig behinderten TV-Auswanderer die ohne ein Wort Spanisch oder Englisch einen Laden in Spanien eröffnen wollen, weil sie meinen Deutsch müsse man können. >_< Soooo peinlich! Ich musste erst einmal vehement meine Landesehre (oder das, was man in DE darunter versteht) retten…

  12. Also Leeri, ich finde dich echt toll, das muss ich jetzt mal sagen. Und noch toller finde ich dich seit diesem Satz: „Leider kommen viel zu viele ohne jegliche Sprachkenntnisse oder Willen sich zu integrieren hierhin, sodass der vermeintliche Normalzustand, wie in meinem Fall, als etwas besonderes wahrgenommen wird.“ Der macht dich sehr wohl zu etwas Besonderem, denn das sehen die wenigsten so. Tatsächlich DARF ich das als Deutsche gar nicht so sehen, weil ich dann sofort den rechten Stempel aufgedrückt bekomme. Erst gestern habe ich mich wieder tierisch über etwas aufgeregt. Es gab einen Bericht darüber, dass Angela Merkel im Zuge des Wahlkampfes gesagt habe, dass sie EU-Mitglieder, die ganz gezielt und ausschließlich(!!) für Sozialhilfe nach Deutschland kommen, anstatt wirklich Arbeit zu suchen, nicht mehr tolerieren will. Ob man Frau Merkel mag, ihren Aussagen Glauben schenkt, … ist ein anderes Kapitel, aber die Kommentare bei Facebook fand ich unter aller Kanone, denn das erste was natürlich mal wieder von allen Seiten kam, war „rechtspopulistisch“ / „von der NPD abgeschrieben“… ÄHM, ENTSCHULDIGUNG?! Dass man sich nicht gezielt ausbeuten lassen möchte, ist rechts/intolerant/mit den Nazis zu vergleichen?! Das entwertet doch dann auch die „Ausländer“ (ich möchte dieses Wort in Verbindung mit dir gar nicht verwenden, weil es so negativ konnotiert ist und ich dich echt nicht so sehe) wie dich, die sich voll und ganz integrieren und genau wie jeder andere für ihre Ziele arbeiten. Ein anderes Mal wurde ich vom Wahl-o-mat als potentieller NPD-Wähler eingestuft, weil ich gesagt habe, dass Ausländer nicht BEVORZUGT(!) eingestellt werden sollen (sondern nach Qualifikation, gleichberechtigt, so wie jeder andere hier auch?!). Ich würde nie auf die Idee kommen, dass jemand wie du schlechtere Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben sollte als ich, aber das Ganze dann umzudrehen und Extrawürste für Nichtdeutsche zu braten… wäre das nicht umgekehrter Rassismus? Ich kann ja auch nichts dafür, dass vor 70 Jahren schlimme Sachen passiert sind, aber irgendwie muss man sich hierzulande immer das schlechte Gewissen und das eingezogene Genick dafür einreden lassen. Deshalb bin ich immer besonders dankbar über solche Beiträge von Leuten, die keine vermeintlichen Nazi-Vorfahren haben und es trotzdem so sehen… danke gesunder Menschenverstand!

    Auch abgesehen davon hast du meinen größten Respekt für den Weg, den du gegangen bist – ich habe das mit der Integration jetzt so gesagt, als wäre es etwas Einfaches, das ist es bestimmt nicht. Aber wenn man will, schafft man es, und es hat sich für dich sicherlich ausgezahlt! :) Und das mit dem Heimatgefühl, ganz ehrlich? Das hab ich inzwischen auch ein bisschen, obwohl ich hier geboren und aufgewachsen bin. Ich identifiziere mich dadurch schon als Deutsche, aber durch Auslandserfahrungen verschwimmen die Grenzen sehr und manchmal (zum Beispiel wenn es um den oben genannten Konflikt geht) wäre es vielleicht sogar angenehmer, keine Deutsche zu sein…

  13. Ich wusste auch gar nicht, dass du nicht hier geboren bist… ich dachte nur, dass deine Eltern nicht aus Deutschland kommen.

    Das mit der Sprache ist eine schwierige Sache. Nicht nur, weil es doch schon ganze Familien ausgrenzt und es auch für Kinder in der Schule schwierig macht. Aber wenn erwachsen Menschen nicht mal einfache Sätze verstehen können und dann beim Arzt sitzen und nicht sagen können, was ihnen fehlt.. das ist echt eine schlechte Situation :/ Und teilweise leben die Leute wirklich schon jahrelang hier.
    Ich frag mich dann ehrlich gesagt auch immer, wie man so in einem Land glücklich leben kann… man geht vor die Tür und versteht kein Wort. Andererseits ist es natürlich auch schwieriger zu lernen, je älter man ist. Wenn dann aber auch noch die Kinder die Sprache kaum beherrschen…

  14. Immerhin schickt ihr dann jemanden zum Arzt mit.. ich kenn genug alte Leute, die dann ohne Begleitung kommen (sowohl deutschsprachig als auch welche, die die Sprache nicht beherrschen)… tolle Situation, wenn die Leute sich nicht verständigen können, wegen der Sprache oder weil sie halt schon älter sind und alles durcheinander bringen :/

  15. Hätte ich gar nicht vermutet, dass du nicht aus Deutschland bist!
    Danke für diesen Einblick, war sehr interessant.
    Und leider ist es nicht selbstverständlich, dass man nach 10 Jahren in einem Land die Landesprache beherrscht…
    Liebe Grüße
    Moni

  16. Seit ich selbst für ein paar Monate im Ausland war, wurde mir nochmal so richtig klar, dass ich überhaupt nicht nachvollziehen kann, was sich Menschen davon versprechen, OHNE Sprachkenntnisse in ein fremdes Land zu ziehen.
    Danke für den kleinen Einblick, das war sehr interessant :)
    Und ich kann Dir sagen: Du hast eine vielversprechend geringe Fehlerquote in Deinen Artikeln, im Gegensatz zu vielen „natur“deutschen Bloggern ;)

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